Dresden

Geschlagene acht Stunden Zugfahrt lagen hinter mir. Ich hoffte sehr, dass sie es wert sein würden.

In Dresden angekommen, stand ich also in diesem riesigen Bahnhof. So, wie komme ich jetzt zur Frauenkirche? Vor diesem Gebäude lief eine Frau in Uniform herum, sie sah wichtig aus, also musste sie wissen, welche Straßenbahn ich zu nehmen hatte. Ich nahm dann die mir zugewiesene Linie - durch ihr dienstliches Genuschel habe ich nur leider den Namen des Ortes nicht verstanden, an dem ich aussteigen sollte. "Schmlschler Platz", gut, so viele Plätze wird es hier wohl nicht geben. Doch dann hatte ich plötzlich die Auswahl zwischen vier verschiedenen, das konnte ja heiter werden! Auf gut Glück stieg ich also aus und wurde dann von einem älteren Herren gewahr, dass ich in die falsche Richtung gefahren bin. Natürlich hat so eine Linie zwei Richtungen... Meine Güte, wenn der Bauer in die Stadt kommt! Die Fahrt brachte noch so einige Irrungen und Wirrungen mit sich, die ich aber nicht weiter ausführen möchte, weil der Bericht sonst einerseits zu lang werden würde und man andererseits vielleicht an meinem erst kürzlich erworbenen Abitur zweifeln könnte.


Ich hatte gerade meine Position vor der Frauenkirche eingenommen, als ich von einer lebenden Statue herangewinkt wurde. Sie gab mir den Hinweis, besser woanders zu spielen. Eigentlich eine Ehre, dass diese Statue für mich aus ihrer Starre erwacht ist, etwas enttäuschend war es aber schon, dort nicht spielen zu dürfen. So stellte ich mich mittig auf den Platz. Dort gestaltete es sich mehr als schwierig, gehört zu werden: Baulärm und diese Größe des Platzes machten es mir unmöglich, ihn allein mit meiner Gitarre und meinem zarten Stimmchen zu beschallen. Mir schien auch niemand so richtig zuhören zu wollen, ich wurde, wenn überhaupt, auf weitem Abstand eher skeptisch betrachtet. Musste ich mich denn auch erst gold ansprühen und in eine Starre fallen, bevor ich beachtet werde? Nach unglaublicher Beanspruchung meiner Stimme, 30 Cent in meinem Koffer und einem Mann, der mir zu verstehen gab, ich solle noch lauter singen, gab ich es auf.


Ich suchte nach einer Fußgängerzone, um dort zu spielen, doch auch da verließ mich irgendwann der Mut. Also entschied ich mich, den Heimweg anzutreten. Auch auf der Rückfahrt durch die Stadt mangelte es nicht an Komplikationen, sodass ich durch erneutes Fahren in die falsche Richtung auch noch meinen Zug verpasste. Drei Stunden Wartezeit auf den nächsten gaben mir immerhin die Möglichkeit, in Ruhe etwas zu essen und zu lesen. Natürlich hätte ich auch eine wunderschöne Stadtrundfahrt mit der Straßenbahn machen können, darin war ich schließlich schon Experte: Durch meine ganz spezielle Taktik sah man eine Menge von dieser interessanten Stadt. Doch ich hatte das Gefühl, meine Tagesdosis an Stadtbesichtigungen bereits erreicht zu haben.


Und die Moral von der Geschicht? 'Nimm keine Straßenbahn in die falsche Richtung nicht'? Oder doch lieber: 'Jenny ist nicht ganz dicht'? Nun ja, es muss auch solche Tage geben und sie werten die schönen Erlebnisse nur noch mehr auf. Und man kommt doch schnell zu der Erkenntnis, dass man gar nicht so weit weg fahren muss, um schöne Erfahrungen als Straßenmusiker zu machen - manchmal liegt das Glück eben direkt vor der Nase.