Bochum

“Es sind nicht die Momente, in denen du atmest, sondern die, die dir den Atem rauben.” Rückblickend müsste ich demnach eigentlich schon längst in Ohnmacht gefallen sein, denn dieser Tag war voll von ihnen.

Ich ging also völlig orientierungslos und nichtsahnend in die Stadt hinein und suchte nach einem geeigneten Ort zum Musik machen. Spontan geriet ich in eine Art Umfrage eines bekannten Duschgelherstellers, bei der ich verschiedene Düfte testen und bewerten durfte. Zwar waren die Düfte nicht das Atemberaubende an diesem Tag, aber immerhin bekam ich ein Duschgel geschenkt. Auch was Schönes.


Das Bermuda3eck in Bochum hat wohl nicht umsonst seinen Namen, ich fühlte mich nämlich ziemlich verloren. Zu dem Zeitpunkt wusste ich auch gar nicht, ob ich mich im besagten befand oder doch an einem anderen Ort, aber ich spielte einfach drauf los. Als ich so vor mich hin klampfte, war es wieder ein Kind, welches zu meinem ersten Fan wurde. Auch eine ältere Dame schenkte mir ihr schönstes Lächeln und fand sichtlich Gefallen an meiner Musik. Irgendwann stand ein bärtiger Typ mit Brille vor mir, hielt inne, setzte erst zum Reden an, verwarf das aber wieder und setzte sich stattdessen hinter mich um mir zuzuhören. Das Schönste war, dass er mich nicht von YouTube kannte, sondern sich einfach so die Zeit für mich nahm. Matthias ist selbst Musiker, wie ich dann erfuhr, und was dann passierte, geschah außerhalb meiner Kontrolle. Beflügelt von dem Straßentour-Gefühl ging ich mit ihm und nachdem wir zusammen eine leckere Pizza gegessen hatten, spielte er einen seiner Songs für mich und mir war sofort klar: Ich bin hier auf einen ganz besonderen Musiker gestoßen, ein Singer/Songwriter der Extraklasse. Und genauso ging es weiter, wir besuchten seinen Kumpel Max, der eine traumhafte “Musikhöhle” bei sich zu Hause hat, übervoll mit Instrumenten.


Als Duo waren die beiden unschlagbar, aber auch zu dritt starteten wir eine kleine Jamsession, was mir eine große Ehre war. Wildfremde Menschen treffen aufeinander und finden zusammen in der Musik. Übereinstimmung, Akzeptanz, Bereitschaft, Offenheit, musikalische Empathie. Und das alles ohne Worte. Aber auch menschlich merkte ich, dass Musiker oft die gleichen Gedanken teilen. Schweren Herzens verließ ich diesen Ort der Leichtigkeit wieder, doch sie blieb.


Am Bahnhof trafen wir einen Mann mit einer Gitarre. Sein Repertoire? Zwei Akkorde, progressiv gespielt auf verstimmten Saiten. Für Matthias kein Hindernis! Kurzerhand wurde meine Gitarre auch verstimmt und schon wurde mitgespielt. Zuvor hatte ich gesagt, ich würde gerne etwas von diesem Tag mitnehmen. Nach dieser kurzen Improvisation von Matthias stellte sich heraus, dass es mehr als ein Foto oder ein Video sein würde -  auf meiner Gitarre waren Blutspritzer. So nahm ich also Überreste einer Leidenschaft mit nach Hause. Einer geteilten Leidenschaft.


Ich hätte nicht gedacht, dass diese Straßentour all das für mich bereit halten würde. Und ich bin froh, dass diese Menschen, die ich ohne sie wahrscheinlich nie getroffen hätte, einen Teil meines Weges mit mir gehen.

Ich habe mit einem Zitat begonnen und möchte nun auch mit einem enden: “Der eine kommt, der andere geht. Passagiere sind nur Besucher. Vielleicht kommst du ja vom anderen Kontinent. Mach’s gut, egal wohin du gehst. Mach’s gut, egal wohin es dich auch trägt." (Clueso)